15. November 2014 Keine Kommentare s.kley Allgemein

Die ersten Experimente mit dem Ballett gehen auf das Ende des 15. Jahrhunderts zurück. Die wesentlichen Versuche fanden jedoch im 16. und 17. Jahrhundert statt, als die höfischen Tänze immer weniger Anklang fanden und die Künstler nach neuen Formen und Techniken des Tanzes suchten. Eine der ersten Ballettaufführungen fand 1499 anlässlich der Vermählung des Herzogs von Mailand mit lsabel von Aragon in Tortona, Italien, statt. Choreograph der Veranstaltung war Bergonzo Betta, ein Adeliger aus der Stadt Tortona. Sein Beitrag war in der Tat originell. Er gab seinem Werk einen klar erkennbaren Aufbau, der die eheliche Liebe ausdrücken sollte. Die Aufführung war recht prunkvoll, der Tanz selbst jedoch einfach, ja elementar. Der Darbietung war ein gewaltiger Erfolg beschieden. Sie wurde zum vorrangigen Gesprächsthema für den gesamten italienischen Adel.

Im Italien des 15. Jahrhunderts erschien denn auch die erste Abhandlung über den Tanz. Ihr Titel lautete: „De arte saltandi et choreas ducendi“ (Von der Kunst, zu springen und einen Chor zu leiten). Autor war Domenico di Piacenza, der am Hof von Ferrara beschäftigt war. Welchen Einfluss die Schrift auf die Kunst ihrer Zeit hatte, ist nicht bekannt; denn ihre Existenz wurde erst anhand der im Jahr 1963 gefundenen Manuskripte entdeckt. Ihre Bedeutung beruht jedoch zweifellos auf der Tatsache, dass es sich hierbei um den Ursprung jeder choreographischen Arbeit handelt. Domenico di Piacenza lässt die tradierten Tanzschemata beiseite und konzentriert sich voll auf die Beschreibung der Schritte und Bewegungen. Aus beiden ergeben sich bei ihm völlig neue Kombinationen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die gewaltige italienische Kreativität in der Person von Baltazarini Baldassarino di Belgioioso offenbar. Er zog als Geiger nach Frankreich und wurde dort als Balthazar de Beaujoyeux bekannt. Er besaß weitreichende Erfahrungen mit dem höfischen Leben, wurde ein berühmter Ausrichter von Festlichkeiten und entwickelte geradezu revolutionäre Ideen für das Ballett. Auch Katharina von Medici beeinflusse den französischen Hof durch ihr Interesse an der Entwicklung des Balletts, das sie in ihrer Heimat Italien kennen gelernt hatte. Das Zusammentreffen des künstlerischen Interesses der Königin und der Beaujoyeuxs trug wesentlich zur Weiterentwicklung und Konsolidierung des Balletts bei. Als Ergebnis dieser Zusammenarbeit wurde 1573 zum ersten Mal das „Ballet des polonais“ in den Tuillerien aufgeführt.

Das wichtigste Werk Balthazars war jedoch das „Ballet comique de la reine“, das 1581 zum ersten Mal im Palais Petit Bourbon aufgeführt wurde und die Tradition des Hofballetts begründete. Es war eine freie Version des Odys-seus-Mythos als Gefangener der Zirze. Zukunftsweisend waren die durchgehenden Schritte, die Beschränkung auf eine bestimmte Tanzfläche und der Anflug von Professionalismus. Der Aufführungssaal war zwar groß, die Fläche, die die Tänzer beanspruchten, wurde jedoch durch choreographische Elemente und den Raum für das Publikum begrenzt. Diese eingeschränkte Tanzfläche kann bereits als unmittelbare Vorläuferin der späteren Bühne betrachtet werden. Beaujoyeaux erklärt im Vorwort zu dieser Choreographie, weshalb sein „Ballet comique de la reine“ als Beginn der Geschichte des Balletts betrachtet werden muss: „Ich habe den Schwerpunkt zunächst auf den Tanz und erst in zweiter Linie auf den Inhalt gelegt.“

Die neue Auffassung des Tanzes wurde begeistert aufgegriffen und verbreitete sich von Frankreich aus bald an alle europäischen Höfe. Inhaltlich wurden diese Ballette übrigens von der griechischen und römischen Mythologie inspiriert.

Der Sonnenkönig und das Ballett

Es heißt, das klassische Ballett sei das „legitime Kind“ König Ludwig XIV. In sehr jungen Jahren übernahm der König gern selbst die Hauptrolle in seinem Ballett. Daher stammt auch sein Spitznahme  „Sonnenkönig“, denn er tanzte 1653 im „Ballet Royal de la Nuit“ den Part der aufsteigenden Sonne. Während der Regentschaft Ludwig XIV. wuchs die Bedeutung des Balletts. Es wurde als szenische Kunst betrachtet. Im Jahre 1671 gründete der Sonnenkönig die Musikakademie, die später in die Königliche Akademie für Musik und Tanz und 1712 in die Königliche Opernschule umgewandelt wurde. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts begannen die Leiter dieser Schule, auch talentierte Jungen und Mädchen zwischen neun und dreizehn Jahren aus armen Familien in ihre Schule aufzunehmen. Ziel war es,  Kindern eine völlig kostenlose Ballettausbildung zu vermitteln. Dies war ein entscheidender Schritt in der Geschichte des Balletts, denn bis zu jenem Zeitpunkt hatte das Ballett ausschließlich aus Angehörigen des Adels bestanden.

Männer wie der Tänzer und Choreograph Pierre Beauchamps, der Komödienschreiber Moliere und der Komponist Giovanni Battista schufen gemeinsam hervorragende Werke. Beauchamps war 1650 Tanzlehrer des Königs geworden. Er zeichnet sowohl für die Ausarbeitung und Systematisierung der klassischen Ballett Technik als auch für die Definition der fünf Grundpositionen verantwortlich. Beauchamps schrieb die Choreographien für das Ballett des Königs und arbeitete auch mit dem Komödienballett von Moliere zusammen, der den Tanz als dramatisches Element in seine Stücke einbezog. Die Seele der Königlichen Akademie für Musik und Tanz war jedoch der Florentiner Komponist Lulli. Seine Werke gaben der Ballettmusik ein völlig neues Ansehen und bildeten – verbunden mit neuen Vorstellungen von Choreographie – ein dynamisches Ganzes, in dem sich alle Teile ergänzten und ihre eigenen Bedeutungen hervorhoben. Lulli förderte auch den Zugang der Frauen zur Bühne und veränderte folglich die Kompositionen für die Tanzgruppe. Das führte zu neuen Schritten, Bewegungen und Tanzformationen. In seiner Ballettoper „Der Triumph der Liebe“ (1681) ließ Lulli zwei Tänzerinnen auftreten, dabei wagte eine der beiden zum ersten Mal in der Ballettgeschichte ein Solo.

Der Tanz erreichte nun ein unerwartetes technisches Niveau. Es gab die ersten „Stars“, Berufstänzerinnen, die viel reisten und große Erfolge zu verzeichnen hatten. Eine von ihnen war die Salle, die außerordentlich ausdrucksstark war und einen sehr reinen Stil tanzte, während die Camargo, die Guimard und die Barbarina stärker zu akrobatischen Ausdrucksformen neigten. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etablierte sich das Ballett als eine unabhängige Kunst. Der Pariser Jean Georges Noverre veränderte mit seiner Arbeit und seinen Prinzipien die Technik und die Bewegungen auf der Bühne. Noverre verwarf den „mechanischen“ Tanz und förderte den „Handlungstanz“. Er forderte eine allgemeine und eine technische Ausbildung für Tänzer, Lehrer und den Stab, dem der Aufbau der Bühne oblag. Ferner hielt er eine gute Allgemeinbildung für notwendig, die ein grundlegendes Studium der Literatur, der Malerei, der Geometrie und vor allem gute Kenntnisse in der Musik und der Anatomie einschloss. Er glaubte, das „Tänzer ihren Körper kennen müssen, wenn sie keine tanzenden Automaten sein wollen“. Noverres Grundsätze erforderten eine extra für das Ballett geschriebene Musik. So kam es zu einer engen Zusammenarbeit von Choreographen, Komponisten, Bühnentechnikern und Tänzern. Man kann zweifellos sagen: Mit Noverre entwuchs das Ballett seinen Kinderschuhen.